
Es waren einmal und vielleicht auch nicht ...
... eine Schwester und ihr Bruder, die gingen durch den kalten Herbstwald. Knisterndes, buntes, welkes Laub raschelte unter ihren Füßen. Geruch nach Erde und Holz, der so rein war und so satt mit vielen Erinnerungen an ein reiches Jahr, stieg in ihre Nasen. Schwere kalte Wassertropfen hingen in der Luft und an den Zweigen und sahen aus wie Perlen aus Glas. Der Wald war ihr Palast – voller Träume, Wege, Pfade und Abenteuer, gebaut aus den Elementen von Mutter Erde. Sie liebten es, umherzuspringen, auf Bäume zu klettern, Aussichten zu entdecken und immer neue Wege zu finden in dieser stetig sich wandelnden, unergründlichen Welt mit all ihren Farben, Geräuschen und Gerüchen. Sie schmeckten die Rinden der Bäume, Blumen vom Wegesrand, Beeren und Samen. Sie sammelten Schätze, die sie in schweren Taschen nach Hause trugen: Pilze, Steine, Heilkräuter, Holz zum Feuermachen, Kastanien zum Waschen und Harz für Salben. Sie liebten den Wald, liebten einander und wenn sie hier waren und jetzt, so ging es ihnen gut.
Und wie sie so umhertollten und –strolchten, - streiften und –stiegen, da entdeckten sie einen kleinen Pfad, der zu einem Bächlein führte mit klarem Wasser. Das gurgelte so schön, und weil alle Kinder das Wasser lieben, so folgten sie dem Lauf dieses Bächleins und fanden schließlich seine Quelle. Dort war eine schöne Lichtung, auf der stand auch ein kleines, einfaches Häuschen, daneben ein Ofen und sauber aufgeschichtetes Brennholz. Es war umgeben von einigen Obstbäumen, die aber nur noch wenige Blätter und Früchte trugen, an denen die Vögel sich laben konnten, so wie es eben ist im späten Herbst. Aus dem Schornstein des Hauses stieg Rauch, und weil es so freundlich anzusehen war, klopften die Kinder an die Tür.
Da öffnete ihnen eine Frau. Sie hatte ein rundes Gesicht und war überhaupt sehr rund. Viele Lachfältchen zierten ihre Wangen, so dass sie strahlte wie die Sonne am Himmel. Sie freute sich über den Besuch und bat die Kinder herzlich, einzutreten. Bevor sie ihnen in das Haus folgte, ging sie zu dem Ofen und holte ein frisches, duftendes Brot heraus. Die Kinder bat sie, einen Korb voller Birnen und Äpfel vom Fensterbrett zu nehmen. So setzten sie sich in die warme, gemütliche Stube und hielten Mahl zusammen, teilten ihre Freude und erzählten einander Geschichten. Die Kinder fühlten sich wohl, denn die Frau hatte Zeit und sie hörte ihnen zu und sie fühlte mit ihnen.

Bald merkten sie, dass der Tag sich neigt, und so verabschiedeten sich die Kinder voller Dankbarkeit und fragten die Frau, wer sie sei und ob sie sie wieder besuchen dürften. Da antwortete diese ihnen: Ich hab euch sehr gerne, doch morgen schon werde ich alt sein und sterben. Aber wiedersehen werden wir uns ganz bestimmt. Und sie lachte über das ganze Gesicht, sodass die Kinder wohl erstaunt waren über ihre Antwort – aber traurig sein konnten sie nicht.
Schon am nächsten Tag wollten sie schauen, ob sie sie wiederfänden. Doch über Nacht war es bitterkalt geworden. Ein eisiger Wind blies über den Acker vor ihrer Tür, so dass sie doch lieber zuhause blieben an ihrem warmen Herd und in der eigenen Stube. Der Winter war gekommen und eine tiefe Ruhe kehrte bei den Menschen ein. Auch im Wald war es ganz still.
Der Samen lag in der Erde und ruhte, viele Tiere hielten ihren Winterschlaf und auch die Menschenkinder schliefen mehr als im Sommer, der nun weit hinter ihnen lag, denn die Nächte waren lang und die Tage kurz. Am Herdfeuer teilten sie miteinander ihre Geschichten. Sie reparierten ihre Werkzeuge und machten Kleidung. Und sie teilten, was sie für den Winter gesammelt hatten. Sie lachten und weinten miteinander. Und sie lauschten in der Stille auf ihre Träume und Ideen für das neue Jahr, das sich gerade zur Welt brachte.
An einem sonnigen Tag stiegen Schwester und Bruder durch den wunderschönen Winterwald, sie hatten es in der Stube drinnen nicht mehr aushalten können. Zu herrlich lachte die Welt und sie wollten ihren Freund besuchen, den Wald, den Palast ihrer Wünsche und Träume. Sie waren noch nicht lange unterwegs, da fanden sie das Bächlein, das nun im Winter leise floss. Sie riefen: „Komm, lass uns die liebe Mutter besuchen, in ihrem schönen Haus“
Doch wie staunten sie, als sie an die Lichtung kamen: Das Häuschen war ganz verfallen, der Ofen kalt, die Asche wehte durch die Winterluft. Die Bäume waren kahl und nackt. Die Tür hing in den Angeln und vor dem Herd, der auch erloschen war, lagen bloß 3 kleine, weiße Knochen auf dem Boden. „Komm,“ sagten die Kinder, „wir wollen sie wenigstens in die warme Erde legen, dann müssen sie nicht mehr frieren.“ Und so gruben sie ein Löchlein, nah am Quell, der jetzt auch ganz zugefroren war und voller Eiszapfen hing, die im Sonnenlicht funkelten und glitzerten, dass es sie tröstete. Dorthinein in die Mulde legten sie die 3 Knöchlein, auf ein paar weiche Federn, die sie unterwegs aufgelesen hatten und dazu einen Kiefernzapfen. Dann verschlossen sie die Stelle wieder und schmückten sie mit einem winzigen Kreis aus Steinchen. Weil ihnen beim Graben und Scharren in der Erde so kalt geworden war, umfingen sie einander und wärmten sich und dann tanzten sie einmal drum herum und sangen ein frohes Lied. Dann liefen sie nach Hause und vergaßen die seltsame Begebenheit.
Die Stunden kamen und vergingen, und die Nächte wurden allmählich wieder kürzer und machten Platz für längere Tage. Die Menschenkinder hatten Lust, Neues zu beginnen. Sie kamen aus ihren Häusern und freuten sich darüber, dass die Vögel sangen und die ersten weißen Blümchen schüchtern im Schnee klingelten.
Unsere beiden Geschwister streunten durch ihren Wald, den Palast ihrer Träume und Wünsche. Sie waren noch nicht lange unterwegs, da hörten sie das Bächlein gurgeln und plätschern. Da freuten sie sich sehr und liefen zu seinem Quell.
Aber was war das! Wie mussten sie sich wundern, dass das Häuschen vom Herbst ganz und gar verschwunden war! Jemand musste es fortgeräumt haben. Auf der Lichtung standen nun nur noch die Obstbäume, die jetzt ein weißes Blütenkleid trugen und so betörend dufteten.
Doch sie hörten den Gesang einer jungen Maid. Die badete im Quell. Dann entstieg sie dem Wasser und schüttelte sich, dass tausend Tropfen in der Sonne funkelten und hüllte sich alsdann in ein schönes helles Kleid. Als sie die Kinder sah, begrüßte sie sie herzlich und rief: „Wie schön, dass ihr wieder da seid! Wie habe ich mich auf euch gefreut!“ Den Kindern fiel nicht ein, wo sie die junge Frau schon einmal gesehen haben könnten. Aber auch ihr Herz lachte und als die junge Frau sie fragte, ob sie ihr helfen wollten, willigten sie nur zu gerne ein. So fingen sie an, eine schöne Hütte zu bauen, wo die Jungfrau wohnen sollte. Sie sammelten starke Äste, die von den Winterstürmen liegen geblieben waren und rührten mit Erde und Quellwasser Lehm, mit dem sie das Gerüst des Häuschens ausputzten. In diese Lehmwände ritzen sie mit Stöckchen Blumenranken und Muster. Aus Steinen und Lehm errichteten sie mit ihr zusammen einen neuen Ofen und sammelten auch etwas Holz für ein erstes Feuer.
Auch sammelten sie Grassoden, mit denen sie das Dach deckten, so dass es drinnen warm und gemütlich war.
Als das Haus am Abend fertig war, da sprach die Maid zu ihnen: „Ich will euch danken. Denn ihr habt mich besucht und seid meine Freunde geworden. Ihr habt mich geehrt, als ich tot war, und ihr habt mit mir gearbeitet, mir ein Haus der Geborgenheit und des Schutzes errichtet, als ich mich neu geboren habe.“ „Wer bist du?“ riefen da die Kinder und sie antwortete bloß: „Ich bin die Natur.“
31.10.2025 von Christine

Eure Kommentare
Marianne Berres, 31.10.2025
Ich bin tief berührt von dieser Geschichte. Ich durchlebe gerade eine Phase tiefer Enttäuschung und auch Trauer über einen Menschen, von dem ich meinte, ihn besser zu kennen. Ja, Christine, nichts bleibt wie es ist. Alles fließt, mit Gottes Segen wird alles gut.
Danke
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