von Christine, 05.11.2025

 

Der Himmel sieht wirklich schmutzig aus; ich möchte immer wieder sehr gerne einen Lappen nehmen, über meine Fenster wischen und dann wieder „blau“ erblicken … 

 

Ein Song läuft über meine Playlist, während ich einen Schokoladenkuchen in den Ofen schiebe.
Ich bemerke, dass ich mitsinge – „Halleluja“ von Jai-Jagdeesh.

 

… ich mag ihre Version:  ruhig, weiblich, erdig, so gegen den Strich gebürstet. Und gerade in diesem Moment breitet sich in mir solch eine wohlige Wärme und Freude aus… 

 

Ich schaue aus dem Fenster in das bunte Herbstlaub, das vor dem grauen Himmel leuchtet und vom Wind zerzaust wird. 

Meine Gedanken wandern zu der Zeit, vor etwa zehn Jahren, als Halleluja-Singen noch normal war für mich. Sowas von normal … 

Halleluja.
Wie viele Male habe ich dieses Wort gesungen, geschwungen, geatmet.
Damals, in einem anderen Leben.
Als Pastoralreferentin.

Halleluja.
Wie oft …

Andere Leute verkaufen Schuhe, bauen Häuser oder putzen – ich habe regelmäßig Leute – viele Leute – dazu gebracht, „Halleluja“ zu singen. 

Menschen – von klitzeklein bis uralt – durch die großen Momente ihres Lebens begleitet: Taufen, Erstkommunion, Firmung, Hochzeiten, Abschiede.
Mal fröhlich, mal zuhörend, mal betend, mal bastelnd, auch herumalbernd – und dann wieder schweigend.

Und noch so viel mehr.

Damals, als Pastoralreferentin. Als eine, die mit Menschen lachte, weinte, feierte. Wie sehr liebte ich diese Arbeit. Das Gestalten, das Sprechen, das Berühren. 

Mein Blick fällt auf mein Räucherstövchen – in den letzten Tagen leuchtet es praktisch permanent. Eine so bedeutsame Kleinigkeit, die meine Welt rettet. Sie dreht die Sonne an in meinem Herzen, wenn draußen der Himmel grau hängt und der Wind am Haus rüttelt.

Irgendwann war es zu viel geworden mit dem ganzen Halleluja. Ich hatte alles gegeben. Zu viel.
Der Klang, den ich so liebte, war mir plötzlich fremd und schräg. Zu viel Pauken und Trompeten, zu viel Schall und Rauch, zu viel Absurdes.
Die Lieder, die ich selbst mit Begeisterung ausgewählt hatte, taten weh.

Ein reibender Schmerz breitete sich in meinem Brustkorb aus – ja, er zog dort ein und war ab nun täglicher Begleiter.
Und dann: 

Viele Jahre lang konnte ich „Halleluja“ nicht einmal denken, geschweige denn singen.
Dieses Wort war zu schwer geworden – zu sehr verbunden mit Sehnsucht, Kränkung, Versagen, Verlust.
Ich mied Kirchenlieder, wie man eben Orte meidet, an denen man zu sehr geliebt hat, sich selbst verloren hat.

Es war wie ein unendlich langgezogenes Vakuum. Ein Warten, wieder und wieder. Jeden Tag von vorne, Monat für Monat, Jahr für Jahr.

Und jetzt sitze ich hier, zehn Jahre später, schlürfe den Chai-Mokka in meiner Hand, und höre sie singen. Und singe mit. Und es ist fein.
Leise. Sanft. Ohne Drama.
Und etwas in mir antwortet.
Nicht laut oder ekstatisch.
Ein kleines, zartes Halleluja.
Ganz unspektakulär. Es lebt!

Ich begreife in diesem Moment: Dieser Klang war eigentlich nie fort!
Er hat nur geschwiegen.
Gewartet, auf mich.
Gewartet, bis ich bereit war, ihm wirklich zu begegnen, ihn nicht als Pflicht zu tragen, sondern als Geschenk zu empfangen… nur für mich ganz allein. So wie jetzt gerade. Und das hat gedauert.

Wie leicht entgleitet einem alles, wenn man zu sehr gibt.
Wie viele von uns kennen diese Einsamkeit in uns selbst… diese Verlorenheit. Unser eigenes Licht ist meistens so selbstverständlich, dass wir vergessen, es zu hüten. Wir lernen nicht, darauf zu achten.

Dann kann es sein, dass es auf einmal sehr stark flackert, um – ganz plötzlich – einer unsäglichen Dämmerung zu weichen. Dort ist es ziemlich einsam und perspektivlos… einerlei.

Und dann braucht es eine lange, heilige Zeit des Schweigens und Sinkens, damit das Ur-Eigene wieder hörbar werden kann.
Das innere „Ja“. Ein ganz zarter Klang. 

Diese Spur, diesem Klang zu folgen, ist ungewohnt! Abseits der ausgetretenen Pfade. Sie erfordert Mut, sich selbst zu betrachten, ja: zu erforschen. In die Tiefe zu tauchen, ganz in sich selbst hinein. Dorthin, wo in der Dunkelheit immer ein Licht leuchtet, solange ich lebe. Ein Licht, das niemand jemals löschen kann, solange ich atme.

Es wohnt in mir.
Nicht auf einer Bühne, nicht im Dienst, nicht in irgendeiner Rolle.
Sondern hier, in meinem Atem, in meinem Sein.
Ganz leise, ganz echt.
Es erklingt nicht mehr mit Glanz und Gloria, sondern schwingt tief in meinen Zellen. Dafür ist es einfach immer da, wenn ich mich mit ihm verbinde.

Ich schwenke den letzten Schluck Chai-Mokka in meiner Tasse und registriere, dass der Kuchen fertig ist. 

Ich glaube, jeder Mensch hat eins.

Manchmal ist es ein Lied.
Oder ein Duft, ein Blick, ein Frieden.
Und wenn wir es wiederfinden, inmitten all des Lärms, wissen wir: Das Zuhause leuchtet ganz tief in uns: HalleluJA.

 

Eure Kommentare

Peter Berres, 05.11.2025

Sehr schön geschrieben, sehr ermutigend. Persönlich habe ich zwar nie das Halleluja verloren, ich hatte wahrlich genügend Anlässe, es laut und deutlich zu feiern wie Ostern, Pfingsten oder Weihnachten, kurz wie in Händels Messias. Aber dein kleines Halleluja finde ich auch sehr reizvoll. Ich glaube, ich muss da mal was ausprobieren. Danke für diese anregende Idee.

Kommentar

Schreibt uns gerne einen Kommentar. Wir veröffentlichen ihn mit deinem Namen.

* Kennzeichnet erforderliche Felder
Vielen Dank für deinen Kommentar!

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.