von Holger, 21.11.2025

 

Seit meinem Studium 1995 begleitet mich eine Frage:
Wie erreichen Rituale Menschen wirklich?

Schon damals spürte ich, dass vieles in der Kirche gut gemeint war, aber nicht immer ankam.
Wir hatten große Worte, feste Abläufe, lange Traditionen.
Aber oft fehlte etwas Entscheidendes:
der Blick auf den Menschen vor uns – mit seiner Geschichte, seinen Brüchen, seiner Freiheit.

In meiner beruflichen Bahn habe ich immer wieder versucht, genau das hineinzubringen: Nähe, echte Sprache, Ehrlichkeit.
Den Menschen in den Mittelpunkt.
Den Staub von den Formen abzuwischen.

Wir haben Areopray-Gottesdienste entwickelt – mit Band, Lichtinstallationen, Videoclips, Musik aus Pop, Charts und anderen Stilen.
Nicht als Event, sondern als ehrlichen Versuch, Menschen aller Altersgruppen mitzunehmen.
Ihnen einen Raum zu geben, in dem sie sich wiederfinden konnten.

Christine und ich haben lange versucht, Kirche neu zu denken, eigene Stile einzubringen, ohne sie zu verbiegen.
Aber immer nur so weit, wie es die Regelungen erlaubten.
Wir standen oft knapp vor der Grenze – und manchmal auch mit einem Fuß drüber –, immer mit dem Ziel, Menschen wirklich zu erreichen.

Und genau dort habe ich auch gespürt, wie schnell diese Grenze kommt.
Wie wenig Beweglichkeit da war, wenn es darum ging, Menschen mit ihren Geschichten ehrlich hineinzunehmen.

Warum ich heute freie Feiern gestalte

Irgendwann wurde mir klar:
Ich kann Menschen nur dann ehrlich begleiten, wenn die Form groß genug ist, um ihr Leben nicht einzuengen.

Freie und überkonfessionelle Feiern geben diesen Raum.
Hier muss niemand beweisen, dass er „reinpasst“.
Hier fragt niemand, ob ein Lebensentwurf erlaubt ist.
Hier entsteht eine Feier aus dem Leben der Menschen – nicht aus einer Vorgabe.

Ich weiß, wie wichtig es für viele ist:
Paare, die sonst kein Ritual für sich finden.
Familien, die anders leben als die klassischen Schablonen.
Trauernde, die nicht in vorgefertigte Worte gedrückt werden wollen.

In freien Feiern darf vieles, was im kirchlichen Rahmen oft nur mit Diskussion und Genehmigung möglich ist:
ehrliche Biografien, unterschiedliche Formen von Liebe, offene Geschichten, komplexe Familien.
Kurz: echtes Leben.

Meine Enttäuschung – und warum sie dazugehört

Ich bin enttäuscht von der Art, wie Verantwortung in der Kirche oft wahrgenommen wurde.
Wie wenig Bereitschaft da war, die Realität der Menschen anzuschauen.
Wie schnell man sich hinter traditionellen Formen verstecken konnte.
Wie oft Leitung darauf setzte, Altes zu bewahren, statt den Mut aufzubringen, Neues ernsthaft zu prüfen.

Diese Enttäuschung gehört zu meiner Geschichte.
Sie erklärt, warum ich irgendwann nicht mehr warten konnte, dass sich etwas bewegt.

Aber sie nimmt mir nicht den Respekt.
Ich verdanke der Kirche viel:
eine Sprache für das Heilige,
eine Wertschätzung für Rituale,
die Erfahrung, wie gut Worte tun können,
und meinen Glauben, der mich bis heute trägt.
Ich nehme das mit – nur nicht mehr in derselben Struktur.
 

Kirchliche Rituale und freie Feiern – zwei Wege, die nebeneinander stehen dürfen

Kirchliche Rituale haben ihre Kraft.
Sie sind vertraut, oft eingebettet in Erinnerungen, getragen von Gemeinschaft und Geschichte.
Für viele Menschen ist das genau richtig.

Freie Rituale sind ein anderer Weg.
Sie wachsen aus dem Leben der Menschen selbst.
Sie geben Raum dort, wo traditionelle Vorgaben nicht passen oder zu eng sind.

Es geht nicht darum, welcher Weg „besser“ ist.
Es geht darum, welcher Weg einem Menschen gerecht wird.

Kirche gibt Halt durch Vertrautheit.
Freie Rituale geben Halt durch Gestaltungsfreiheit.
Beides kann würdevoll sein.
Beides kann tief gehen.
 

Meine Haltung

Was mir heute wichtig ist:
dass Menschen sich wiederfinden.
Dass nicht die Form entscheidet, sondern die Person.
Und dass Rituale nicht aus Tradition heraus gefeiert werden müssen, sondern aus Beziehung.

Feiern dürfen schlicht sein.
Sie dürfen klar sein.
Sie dürfen ehrlich sein, auch da, wo Leben nicht glatt läuft.

Es geht nicht darum, wie „man es immer gemacht hat“.
Es geht darum, was für diesen Moment stimmt.
Für diese Menschen.
Für diese Geschichte.
 

Für mich war dieser Schritt folgerichtig

Ich habe lange versucht, Kirche von innen her zu bewegen.
Ich habe neue Formen erprobt, Grenzen verschoben, Mut investiert.

Heute begleite ich Menschen dort, wo ihr Leben wirklich spielt.
Nicht in engen Formen, sondern in offenen Räumen.
Für mich ist das kein Abbruch.
Es ist die Konsequenz daraus, Menschen und ihre Geschichten ernst zu nehmen.
 

Was passt für dich besser – traditionelle Formen oder frei gestaltete Feiern?

 

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